Hometown Journal und die Kraft haptischen Storytellings

Die vierte Ausgabe des unabhängigen Kunstmagazins zeigt eindrucksvoll, welche Kraft Print entfalten kann, wenn Inhalt, Gestaltung, Papier und Verarbeitung nicht getrennt gedacht werden, sondern eine gemeinsame Geschichte erzählen. Grundlage dieses Beitrags ist ein Interview mit Jan Eric Hühn zum Hometown Journal sowie die redaktionelle Aufbereitung des vorhandenen Textes.  

Das Ergebnis ist mehr als ein Magazin. Es ist ein Buch, ein Sammlerstück, ein haptisches Erlebnis und ein Statement für die Zukunft von Print. Mit 340 Seiten, mehreren Papiersorten, einem beigelegten Plakat, einem Artprint und einer bewusst kuratierten Dramaturgie macht das Hometown Journal sichtbar und fühlbar, warum gedruckte Medien im digitalen Zeitalter nicht an Bedeutung verlieren müssen. Im Gegenteil: Wenn Print konsequent als Erlebnis gestaltet wird, kann es Nähe, Vertrauen und Wertschätzung erzeugen.

Das Hometown Journal entstand während der Pandemie. Jan Eric Hühn und Alexander Schuchmann, eigentlich aus der Welt des Werbe- und Dokumentarfilms kommend, konnten zeitweise nicht wie gewohnt an Filmsets arbeiten. Aus dieser Situation entstand die Frage: Wie lassen sich Geschichten anders erzählen? Die Antwort war Print.

Was zunächst als spontane Idee begann, entwickelte sich schnell zu einem ambitionierten Liebhaberprojekt. Geplant waren ursprünglich mehrere Ausgaben pro Jahr. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass ein hochwertiges Magazin mit künstlerischem Anspruch, intensiver Recherche, Bildauswahl, Papierentscheidungen und anspruchsvoller Verarbeitung deutlich mehr Zeit benötigt.

Gerade darin liegt eine wichtige Erkenntnis für den Bereich Future of Print: Print entfaltet seine besondere Stärke nicht dann, wenn es digitale Geschwindigkeit imitiert. Print wird relevant, wenn es bewusst langsamer, sorgfältiger und körperlicher ist. Das Hometown Journal lädt Leserinnen und Leser dazu ein, sich Zeit zu nehmen. Es fordert Aufmerksamkeit ein und belohnt sie mit Tiefe, Materialität und einer kuratierten Erfahrung.

Learning für Marken, Verlage und Kreative

Print ist kein reiner Informationsträger. Es kann ein Vertrauensbeweis sein. Wer ein hochwertiges gedrucktes Objekt übergibt, zeigt: Diese Geschichte ist es wert, dauerhaft festgehalten zu werden. Genau diese Wirkung beschreibt Jan Eric Hühn, wenn er das Journal als Türöffner bezeichnet. Künstlerinnen und Künstler spüren beim ersten Kontakt mit dem Buch, dass hinter dem Projekt Ernsthaftigkeit, Wertschätzung und Haltung stehen.

Frage: Was war der Initialfunke für das Hometown Journal?


Jan Eric Hühn: Das Hometown Journal ist ein klassisches Corona-Baby. Alex Schuchmann und ich drehen eigentlich Werbe- und Dokumentarfilme. Als wir damals nicht ans Set konnten, haben wir überlegt, wie wir unsere Geschichten sonst erzählen können. Ich war schon immer Papierliebhaber. So kam der Gedanke auf, ein Magazin zu gründen. Wir haben Menschen angeschrieben, die wir spannend fanden, und uns in das Projekt hineingestürzt, ohne genau zu wissen, was alles dazugehört.

Diese Entstehungsgeschichte macht deutlich, warum das Hometown Journal nicht wie ein klassisches Magazin funktioniert. Es kommt nicht aus einer rein verlegerischen Logik, sondern aus der filmischen Erzählweise. Die Beiträge stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie greifen ineinander, bauen Spannungen auf, setzen Kontraste und schaffen Übergänge. Das Hometown Journal wird dadurch zu einer Art analogem Film: Szene für Szene, Papier für Papier, Geschichte für Geschichte.

Haptisches Storytelling: Papier als Teil der Erzählung


Beim Hometown Journal ist Papier kein dekoratives Add-on. Die Papierwahl ist ein zentrales Gestaltungsmittel. Unterschiedliche Oberflächen, Haptiken, Farben und Grammaturen unterstützen die jeweilige Geschichte. Offene, weiche Papiere stehen hochglänzenden Sorten gegenüber. Durchgefärbte Materialien setzen visuelle Akzente. Transparente Trennerseiten geben Orientierung. Ein besonderes Coverpapier vermittelt bereits beim ersten Griff Hochwertigkeit.

Diese bewusste Materialdramaturgie zeigt, was haptisches Storytelling leisten kann: Papier übersetzt Inhalte in ein körperliches Erlebnis. Eine ruhige, intime Geschichte kann durch ein weiches, offenes Papier anders wirken als durch eine hochglänzende Oberfläche. Eine plakative künstlerische Arbeit kann durch Kontrast, Weißgrad oder Farbe eine zusätzliche Bühne erhalten. So entsteht eine Verbindung zwischen Inhalt und Material, die rein digital kaum nachbildbar ist.

Gestaltungselement Funktion im Hometown Journal Wirkung für die Lesenden
Offene, weiche Papiere Unterstützen ruhige, persönliche oder künstlerische Inhalte Nähe, Wärme, Natürlichkeit
Hochglänzende Papiere Setzen Kontraste und inszenieren starke Bildwelten Brillanz, Energie, visuelle Prägnanz
Durchgefärbte Papiere Markieren Übergänge und Akzente Orientierung, Spannung, Eigenständigkeit
Transparente Seiten Ersetzen ein klassisches Inhaltsverzeichnis teilweise durch Materialführung Struktur, Rhythmus, Überraschung
Coverpapier mit besonderer Haptik Prägt den ersten Eindruck Wertigkeit, Sammelcharakter,
Vertrauen


Ihre Checkliste: Wann Papier Teil des Storytellings wird


  • Ist die Papierwahl aus dem Inhalt heraus begründet und nicht nur aus persönlichem Geschmack?
  • Unterstützt die Oberfläche die Stimmung der jeweiligen Geschichte?
  • Gibt es bewusste Kontraste zwischen einzelnen Beiträgen oder Kapiteln?
  • Helfen Papierwechsel dabei, Orientierung und Dramaturgie zu schaffen?
  • Wurde die Weiterverarbeitung bereits bei der Papierauswahl mitgedacht?
  • Passt das Covermaterial zur Haltung und zum Anspruch des gesamten Printprodukts?

Was ist für Bewegtbildmacher so spannend an Print?


Jan Eric Hühn: Unsere Motivation liegt darin, dass Menschen sich wieder mehr mit künstlerischen Arbeiten und dem Prozess auseinandersetzen. Es geht um mehr „wie“ statt nur „was“. Sehr viel ist ins Digitale abgewandert und nur noch auf Screens zu sehen. Dabei geht auch Wertschätzung verloren.

Diese Aussage bringt den Kern des Hometown Journal auf den Punkt. Das Magazin stellt nicht nur fertige Arbeiten aus, sondern macht den Prozess sichtbar. Es geht um Haltung, Entstehung, Kontext und Nähe. Während digitale Plattformen häufig schnelle Reaktionen begünstigen, schafft Print einen anderen Raum. Die Lesenden blättern, pausieren, vergleichen, kehren zurück. Das Medium verlangsamt die Wahrnehmung und erhöht dadurch die Aufmerksamkeit.

Für Marken, Agenturen, Verlage und Kreative ist das ein wichtiger Impuls. Wer komplexe Inhalte, künstlerische Positionen oder hochwertige Markenwelten vermitteln möchte, sollte Print nicht nur als Ausgabekanal betrachten. Print kann ein kuratiertes Erlebnis sein, das Vertrauen aufbaut und Inhalte in eine dauerhafte Form bringt.

Präzise Verarbeitung: Warum anspruchsvolle Printprodukte Teamarbeit brauchen


Die vierte Ausgabe des Hometown Journal war produktionstechnisch anspruchsvoll. Unterschiedliche Papiersorten, eine hohe Seitenzahl, verschiedene Druckverfahren und besondere Verarbeitungsdetails mussten aufeinander abgestimmt werden. Entscheidend war dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Gestaltung, Druckerei und Papierpartner.

Im Ausgangstext beschreibt Marvin Prang von der Druckerei Kettler, dass Seite für Seite über Druckverfahren, Bogeneinteilung und Papiereinsatz entschieden wurde. Genau diese Sorgfalt macht den Unterschied zwischen einem schönen Printprodukt und einem Printobjekt, das als Gesamterlebnis funktioniert.

Produktionsfrage Warum sie wichtig ist Praxisnutzen
Welche Geschichte steht auf welchem Papier? Material und Inhalt müssen zusammenwirken Höhere emotionale Wirkung
Wie werden Papierwechsel im Bogen geplant? Unterschiedliche Materialien beeinflussen Produktion und Ablauf Weniger Risiko in Druck und Weiterverarbeitung
Welche Druckverfahren passen zum Motiv? Nicht jedes Motiv wirkt auf jedem Papier gleich Bessere Farbwiedergabe und Bildwirkung
Wie wird Orientierung geschaffen? Umfangreiche Magazine brauchen klare Leserführung Bessere Nutzererfahrung
Wann werden Druckerei und Papierpartner eingebunden? Frühe Abstimmung reduziert Fehler und Makulatur Mehr Planungssicherheit

Ihre Checkliste: So wird ein hochwertiges Printprojekt planbarer

  • Druckerei, Papierpartner und Gestaltung frühzeitig in die Konzeptphase einbinden.
  • Papiermuster nicht nur anschauen, sondern bedrucken und weiterverarbeiten testen.
  • Dramaturgie, Seitenfolge und Papierwechsel gemeinsam prüfen.
  • Bei hohen Seitenzahlen Bogeneinteilung und Laufrichtung früh klären.
  • Besondere Effekte wie Transparenz, Cellophanierung oder Weißdruck technisch absichern.
  • Vor Produktionsstart definieren, welche Wirkung jede Papierentscheidung erfüllen soll

Hometown wurde mit mehreren IGEPA-Papieren realisiert. Wie habt ihr diese ausgewählt?


Jan Eric Hühn: Wichtig war für uns, Kontraste zu schaffen. Ein offenporiges Papier und eine Hochglanzsorte stehen sich gegenüber und verdeutlichen den Wechsel zwischen verschiedenen Arbeiten oder Geschichten. Außerdem hat das Hometown Journal kein klassisches Inhaltsverzeichnis. Das eingebundene Transparenzpapier sorgt deshalb für Orientierung. Wir haben mit Grammaturen und Druckverfahren gespielt. Die Papierentscheidung ist keinesfalls Geschmackssache, sondern wird aus dem Inhalt heraus getroffen.

Diese Antwort zeigt sehr klar, worum es bei professioneller Papierwahl geht. Es geht nicht darum, ein Papier nur schön zu finden. 

Entscheidend ist die Frage: Welche Aufgabe erfüllt das Material innerhalb der Geschichte? Beim Hometown Journal wird Papier zur Regieanweisung. Es lenkt, trennt, verbindet, verstärkt und überrascht.

Für den IGEPA Ratgeber im Bereich Future of Print ist dieses Beispiel besonders relevant, weil es die Rolle von Papier neu positioniert. Papier ist nicht nur Bedruckstoff. Es ist ein strategisches Gestaltungsmittel. Gerade in hochwertigen Magazinen, Corporate-Publishing-Projekten, Kunstpublikationen, Markenbüchern oder Geschäftsberichten kann die Materialwahl beeinflussen, wie glaubwürdig, wertig und erinnerbar ein Inhalt wahrgenommen wird.

Print als Anker zwischen digitaler und analoger Welt


Das Hometown Journal ist kein Gegenentwurf zur digitalen Welt. Vielmehr baut es eine Brücke zwischen digital und analog. Neben dem Buch gibt es Online-Studio-Visits, eine Plattform für Kunstwerke und weitere Formate. Dennoch bleibt das gedruckte Objekt der Kern. Es ist der Anker, von dem aus weitere Aktivitäten entstehen.

Diese Verbindung ist zukunftsweisend. Erfolgreiche Printprojekte müssen heute nicht isoliert gedacht werden. Sie können Teil eines größeren Ökosystems sein: Print schafft Tiefe, digitale Kanäle schaffen Reichweite, Events schaffen Begegnung. Im Zusammenspiel entsteht eine Marken- und Medienwelt, die mehr ist als die Summe einzelner Kanäle.

Was Marken und Kreative vom Hometown Journal lernen können


Das Hometown Journal zeigt, dass hochwertige Printkommunikation nicht mit der Frage beginnt: „Wie viele Seiten brauchen wir?“ Die bessere Frage lautet: „Welche Erfahrung soll entstehen?“ Daraus ergeben sich Papierwahl, Dramaturgie, Format, Verarbeitung und Produktionsplanung. Für Kreative bedeutet das: Print bietet einen Raum, in dem Ideen körperlich werden. Für Marken bedeutet es: Gedruckte Kommunikation kann Haltung sichtbar machen. Für Produktionsverantwortliche bedeutet es: Anspruchsvolle Ergebnisse entstehen nur durch frühe Abstimmung und technisches Verständnis. Und für Leserinnen und Leser bedeutet es: Ein gutes Printprodukt schenkt Zeit, Orientierung und Wertschätzung.

Kompakte Entscheidungshilfe für haptisches Storytelling

Ziel des Printprojekts Geeigneter Ansatz Worauf besonders achten?
Künstlerische Arbeiten hochwertig zeigen Unterschiedliche Papiere je nach Bildsprache einsetzen Oberfläche, Weißgrad, Farbwiedergabe
Markenhaltung vermitteln Cover, Haptik und Verarbeitung bewusst inszenieren Erster Griff, Materialkonsistenz, Detailqualität
Orientierung in umfangreichen Inhalten schaffen Papierwechsel, Trenner oder transparente Seiten nutzen Dramaturgie, Leserführung, Rhythmus
Digitale Inhalte physisch verlängern Print als Kernstück eines Crossmedia-Konzepts planen Verbindung zu Online-Formaten und Events
Wertschätzung ausdrücken Langlebige Materialien und saubere Verarbeitung wählen Stabilität, Bindung, Sammelcharakter

Das kann nur Print


Das Hometown Journal beweist, dass Print im digitalen Zeitalter nicht nostalgisch sein muss. Es kann modern, strategisch und emotional stark sein. Entscheidend ist, dass Print nicht als bloßer Ausgabekanal verstanden wird. Seine Kraft entsteht, wenn Inhalt, Dramaturgie, Papier und Verarbeitung eine Einheit bilden.

Haptisches Storytelling macht Geschichten fühlbar. Es gibt Bildern eine Bühne, Texten ein Gewicht und Projekten eine physische Präsenz. Das Hometown Journal zeigt, wie daraus ein Medium entsteht, das bleibt: als Buch, als Objekt, als Gesprächsanlass und als Ausdruck einer Haltung.

Für alle, die sich mit der Zukunft von Print beschäftigen, ist dieses Projekt ein starkes Beispiel. Es zeigt, dass gedruckte Kommunikation dann besonders relevant wird, wenn sie bewusst gestaltet, sorgfältig produziert und aus dem Inhalt heraus gedacht ist. Oder anders gesagt: Papier vergisst nicht.