Zukunft Print – Gestaltung, Material und Haltung im digitalen Zeitalter
Print wird seit Jahren kontrovers diskutiert – nicht als verschwindendes Medium, sondern als Medium mit veränderter Funktion. Während digitale Kanäle auf Geschwindigkeit, Aktualität und Reichweite ausgelegt sind, entfalten gedruckte Medien ihre Stärke häufig dort, wo Aufmerksamkeit, Materialität und gestalterische Präzision gefragt sind. Welche Rolle kann Print im digitalen Zeitalter langfristig einnehmen? Bleibt es als Medium relevant?
Print als Brückenbauer
Print ist oftmals ein bedeutendes Bindeglied zwischen gestalterischen Disziplinen: Temporäre Ausstellungen werden in Kunstkatalogen dokumentiert, digitale Inhalte erhalten in gedruckter Form einen neuen Deutungsraum.
So sieht auch Designerin und Verlegerin Anja Lutz in unterschiedlichen Medien immer den Gestaltungsraum. Im Mittelpunkt steht für sie die Frage, wie Inhalte bestmöglich erlebbar werden. Die Antwort ist oftmals das Buch: „Wir sind in der heutigen digitalen Zeit fast ausschließlich darauf reduziert, was wir sehen und hören. Dieses Anfassen, Begreifen, Öffnen und generell der Zugang zu einem Buch machen immer wieder bewusst, dass da noch viel mehr ist.“
Welche Rolle das Buch als Gestaltungsraum spielen kann, verdeutlicht ihr inspirierendes Kompendium „On the Edges of Graphic Design from A–Z“. Als Dokumentation eines umfassenden Designprojekts verbindet es unterschiedliche kreative Disziplinen und Perspektiven von Gestaltenden aus aller Welt. Ausstellungen und kreative Events wurden zum Buch und das Buch führte wiederum zu einer Ausstellung. Print ist auch hier ein wesentlicher Baustein, um Inhalte zu manifestieren.
Print im digitalen Zeitalter: Vom Informationsträger zum Gestaltungsraum
Digitale Medien haben Print nicht ersetzt. Vielmehr wird heute genauer entschieden, welcher Kanal welche Aufgabe übernimmt. Gedruckte Medien werden gezielt dort eingesetzt, wo Inhalte langfristig wirken, sinnlich erfahrbar sein oder eine besondere gestalterische Qualität transportieren sollen.
Print erzeugt dabei nicht automatisch Aufmerksamkeit oder Wertigkeit. Entscheidend ist, wie Material, Gestaltung, Format und Inhalt zusammenspielen. Digitale Inhalte sind heute allgegenwärtig – ein bewusst eingesetztes und durchdachtes Printobjekt wird umso intensiver wahrgenommen.
Studien zeigen, dass gedruckte Inhalte häufig bewusster gelesen und länger erinnert werden als digitale Inhalte. Die physische Präsenz eines Mediums kann die Aufmerksamkeit erhöhen und Inhalte stärker verankern.
Warum Print anders wahrgenommen wird
Gedruckte Medien werden häufig konzentrierter rezipiert. Dabei spielen mehrere Aspekte zusammen: Materialität, Gewicht, Oberflächenwirkung, Format, Typografie und Verarbeitung.
Diese Aspekte verändern die Art, wie Inhalte wahrgenommen und eingeordnet werden. Gerade hochwertige Publikationen oder gestaltete Bücher nutzen diese physische Präsenz bewusst.
Papier als gestalterisches Werkzeug
Papier ist nicht nur Trägermaterial, sondern beeinflusst die Wirkung eines Printprodukts maßgeblich. Oberfläche, Grammatur, Farbton und Volumen bestimmen, ob Inhalte hochwertig, technisch, nachhaltig oder emotional wahrgenommen werden.
Auch bei „On the Edges of Graphic Design from A–Z“ setzte Anja Lutz Papier als bewusstes Gestaltungselement ein. Papierwechsel geben hier dem Lesenden Orientierung:
"Die Papierwahl und der Papierwechsel sind ein wichtiger Bestandteil. Im vorderen Teil des Buches findet die Rückschau statt – hierfür wollte ich eine natürliche, ungestrichene Sorte mit relativ niedriger Grammatur. Im hinteren Teil werden 36 internationale Kreative mit unterschiedlichem kulturellen und künstlerischem Background auf gestrichenem Papier mit glänzender Oberfläche vorgestellt. In Kombination mit der Sonderfarbe Silber sorgt dies schließlich für eine auffällige Trennung der beiden Teile."
Hieran wird deutlich, wie Papieroberflächen Inhalte durch haptische Kontraste strukturieren und durch ihre Anmutung verstärken können. Ungestrichene Papiere eignen sich gut, um Wärme, Nahbarkeit und Natürlichkeit zu vermitteln. Hochglänzende Oberflächen können technische Aspekte, Kühle oder Zukunft vermitteln.
Die Papierwahl sollte demnach nicht erst in der Produktion getroffen, sondern bereits in der Konzeptionsphase gründlich durchdacht werden.
Print manifestiert Inhalte
Während digitale Inhalte in unbegrenztem Umfang publiziert werden können, verlangt Print eine sorgfältige Kuratierung. So ist es meist die Konzentration auf das Wesentliche, die ein gedrucktes Medium auszeichnet.
Wie Print temporäre Veranstaltungen in eine langfristig nutzbare Form überführen kann, zeigt auch „On the Edges of Graphic Design from A–Z“.
„On the Edges of Graphic Design from A–Z“ entstand aus einer Reihe von Workshops und Talks, die unterschiedliche gestalterische Perspektiven zusammenführten. Eine Dokumentation in Buchform war hierbei von Beginn an geplant. Nicht als reine Retrospektive, sondern als neue Form der Betrachtung der Inhalte. Diese erscheinen nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in alphabetischer Reihenfolge.
„So entstanden Nachbarschaften zwischen Themen, die gar nicht zusammengehören, und es ergeben sich unerwartete Kombinationen. Zudem war mir wichtig, dass das Buch eine gewisse Lockerheit mit sich bringt und der Lesende überall einsteigen kann“, so Anja Lutz.
Das Buch wurde somit zu einer weiteren Bühne und ermöglicht eine neue Wahrnehmung von Inhalten. Es macht Inhalte dauerhaft zugänglich und ermöglicht zugleich neue Perspektiven auf bereits Erlebtes.
Print als Gestaltungsraum
Die Gegenüberstellung von Print und Digital ist eine Frage der Zielsetzung. Wann ist Print zielführend?
Print kann
- Inhalte konzentrieren
- Inhalte haptisch erlebbar machen
- bestehende Inhalte neu interpretieren
- Inhalte klar strukturieren
- Orientierung durch Materialität schaffen
Print ist keine reine Option, sondern ein bewusst gewählter Gestaltungsraum. Ähnlich einer sorgfältig kuratierten Ausstellung, ist Print eine durchdachte Bühne, die Inhalte greifbar macht.
Interview-Einblick: Arbeiten von Anja Lutz
Designerin, Autorin und Verlegerin Anja Lutz initiierte den fortbestehenden Ausstellungsraum „ A–Z Presents“. Das hieraus resultierende Buch „On the Edges of Graphic Design from A–Z“ dokumentiert nun die ersten sechs Jahre und war zugleich Gegenstand einer Ausstelllung. So führte die Nutzung des physischen Raums zum Buch und ging zurück in den Raum: Wir sprachen mit ihr über die Publikation und ihr Designverständnis.
„Das Kuratieren von Ausstellungen hat unheimlich viel gemein mit Book-Editing – für mich ist ein Buch auch ein Ausstellungsraum. Das Interessante an einem physischen Raum ist natürlich, dass man hierbei die Menschen und ihre Bewegung mitdenken muss.“ (Anja Lutz)
Fazit
Print ist heute kein selbstverständlicher Standardkanal mehr – genau deshalb werden Druckmedien bewusster eingesetzt. Für deren Wirkung ist entscheidend, Inhalt, Gestaltung und Material ganzheitlich zu denken.
Die Zukunft von Print liegt nicht im Wettbewerb mit digitalen Medien, sondern in ihrer Ergänzung. Print wird dort eingesetzt, wo Inhalte langfristig wirken, Aufmerksamkeit erzeugen und durch Materialität erlebbar werden sollen. Gerade im digitalen Zeitalter bleibt Print deshalb ein relevantes Werkzeug für Kommunikation, Gestaltung und Wissensvermittlung.
Das vollständige Interview mit Anja Lutz findet sich hier: Future of Print Interview mit Anja Lutz
IGEPA group
Die IGEPA group wurde 1960 gegründet und zählt heute zu den führenden Fachgroßhandelsgruppen für Papier und Druckzubehör, Werbetechnik und Verpackungen in Europa. Mit einem der umfassendsten Sortimente der Branche betreuen wir über 90.000 Kundinnen und Kunden aus Industrie, Handel und Gewerbe – zuverlässig, verantwortungsvoll und lösungsorientiert.
Unsere Unternehmensgruppe ist heute in 23 Ländern aktiv, mit 79 Standorten und einem starken Netzwerk eigenständig geführter Gesellschaften unter gemein- samer strategischer Ausrichtung. Die nachhaltige Entwicklung unserer Gruppe stützt sich auf rund 2.950 Mitarbeitende im In- und Ausland, auf modernste Logistikstrukturen sowie auf einen wachsenden inter- nationalen Verbund.