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  DIE SERIE PAPIERE IM ALLTAG.

Kaum ein Material kommt im täglichen Leben so oft zum Einsatz und erhält dabei so wenig Aufmerksamkeit wie Papier. Das wollen wir ändern. Denn jedes Alltagspapier hat eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Und natürlich wollen wir dabei auch einen genaueren Blick auf das Material werfen.

Teil 2: Der Kaffeefilter

Ein Frühsommertag im Jahr 1908. Melitta Bentz nippt an ihrer Kaffeetasse und ist es endgültig leid. Schon wieder verdirbt ihr das bröselige Kaffeemehl den Genuss. Kurzentschlossen schnappt sie sich einen alten Topf, klopft mit Nagel und Hammer einpaar Löcher hinein, legt ein Löschblatt aus dem Schulheft ihre Sohnes Willy darauf, gibt etwas Kaffee darüber und überbrüht ihn mit heißem Wasser. Das Ergebnis ist frappierend: Eine völlig satzlose klare Brühe tropft in die Tasse. Und erst das Aroma!

Schon am 20. Juli 1908 erteilt ihr das Kaiserliche Patentamt zu Berlin einen Gebrauchsmusterschutz für einen mit „Filtrierpapier arbeitenden Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern“. Der erste Kaffeefilter mit Filterpapier. Kurz vor Weihnachten nimmt Melitta Bentz mit ihrem Mann in der Wohnung den Betrieb auf. Als sie ihre Erfindung im Jahr darauf auf der Leipziger Messe ausstellt, kommt der endgültige Durchbruch – eine Revolution für Kaffeefreunde. Denn bis dahin schüttete man den Kaffee entweder einfach ins heiße Wasser und wartete, bis sich das Kaffeemehl setzte. Oder man nahm zum Filtern immerwieder das gleiche Stoffbeutelchen, was erstens dauernd verstopfte und zweitens nicht besonders hygienisch war. Die klassische, nach ihrer Erfinderin benannte Melitta-Filtertüte mit der spitz zulaufenden Form kommt allerdings erst 1936 auf den Markt, da führen bereits die Söhne Horst und Willy Bentz das rasch gewachsene,mittlerweile nach Minden umgezogene Unternehmen.

Die Tüte auf der Basis eines Löschblatts – ungeleimtes, wenig gepresstes Papier, das wegen seines lockeren Aufbaus feine Kapillaren bildet, die Flüssigkeiten schnell aufsaugen – hat entscheidende Vorteile: Das heiße Wasser kann problemlos den Filter passieren und die Aromastoffe lösen,während Kaffeemehl und so mancher Bitterstoff zuverlässig in der Tüte bleiben.Zwei geprägte Seiten halten die Naht zusammen,Klebstoff sucht man also vergebens.Und einen Trick gibt es auch, um die Tütebeim Brühen vor dem Einklappen zu bewahren: geprägte Ränder einmal umfalten, damit sich das Filterpapier an den Rand des Filters anschmiegen kann und tief im Filtereinsatz sitzen bleibt. Die optimale Wassertemperatur sollte beim Aufbrühen übrigens zwischen 85 und 90 Grad liegen; heißeres Wasser setzt zu viele Bitterstoffe frei. Mit der sorgsameren Röstung und einer exquisiteren Auswahl verbessert sich die Qualität des Kaffees. Und die Anforderungen an das Filterpapier steigen. Grundlegende Veränderungen am Material gibt es zwar nicht – saugfähiger Zellstoff, der sich aus einem feinen Netz aus weniger als 10 µm großen Zellulosefasern zusammensetzt –,doch seit Ende der 1980er Jahre sollen „Aromaporen“ oder „Aromavliese“ noch mehrGeschmack in die Tasse lassen. Denn über die Flüchtigkeit der Kaffeearomen weiß man inzwischen eine ganze Menge mehr. Und der Filterkaffee muss sich nicht nur gegen eine Flut von Kaffeespezialitäten auf Espressobasis durchsetzen, sondern auch gegen neue Portionierungshilfen wie die Pads.

Auch Fragen des Umweltschutzes machen vor der Filtertüte nicht Halt. Anfang der 1990er gelingt es, die gewünschte Papierweiße statt mit Chlorbleiche mit Sauerstoff zu erreichen. Daneben kommt auch naturbraunes Filterpapier aus ungebleichten Zellstoffen auf den Markt. Neben Tüten aus fair gehandeltem Bambus-Zellstoff, der als schnell nachwachsenderRohstoff gilt.

Doch egal, aus welchem Material, mit wievielen Poren und in welcher Farbe: Die spontane Erfindung der Dresdnerin hat von Moskau bis Rio einen weltweiten Markt erobert. Und sorgt seit nunmehr 101 Jahrenfür absolut ungetrübten Genuss.




 
   

 
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